Die Bierfreundschaft

Er, Andreas, ging 1975 in die dritte Klasse der Hauptschule in Salzburg-Mülln. Zu diesem Zeitpunkt war er 13 Jahre alt und seine Lehrer (so etwas gab es damals sogar noch in der Volksschule) und Lehrerinnen hatten über weite Strecken einen modernen Zugang. Das fing mit dem in außen rot gehaltenen Schulgebäude an und endete mit der Weiterentwicklung der Didatica magna, die von mehr Freiheit, Vergnügen und wahrhaftes Forschen der Schüler handelte. Besonders als progressiv war der Deutschlehrer zu bezeichnen. Ein bärtiger Mann, der neben Deutsch auch Musik unterrichte. Es wurden Songtexte interpretiert, Gedichte nicht auswendig gelernt und die Internationalität gelebt. Um letzteres weiter zu forcieren, hat der Deutschlehrer eine Klasse in Schweden ausgesucht, um eine Brieffreundschaft zum Entstehen zu bringen. Das dürfte mit seinen letzten Sommerferien zusammenhängen, die er zu einem dortigen Aufenthalt nutzte, allem Anschein nach alleinreisend. Bei dieser Reise lernte er eine „Tyska lärare“ (Deutschlehrerin) in Stockholm kennen, die sowas wie eine „stor kärlek“, die große Liebe, wenn auch nur für einen Sommer, darstellte. Was blieb ist eine Partnerklasse für den gegenseitigen Austausch. Anfangs sollten gegenseitige Fragen gestellt werden und die Freundschaften möglichst zwischen jeweils einem Jungen und einem Mädchen aufgebaut werden, um das gegenseitige Geschlechterverständnis weiter zu fördern. In allen Fällen schien es zu klappen, wenn auch Andreas Freund schnell das Gefühl hatte, dass die Schwedin eventuell doch ein Schwede sein könnte (heute würden wir wissen, dass es sich um das dritte Geschlecht in diesem Fall handelte). Bei Andreas lief es von Anfang mit Maja richtig gut, sie verzieh ihm die eine oder andere pubertär bedingte schlüpfrige Frage und die bereits zu Beginn versendeten Fotos stoßen auf viel Gegenliebe. Andreas merkte auch, dass sein Ansehen im Freundeskreis deutlich stieg, wenn er von Maja berichten konnte. Diese Brieffreundschaft hielt und 1981 hatte Andreas die Idee, Maja eine Bierflasche aus Österreich zu schicken. Maja antwortete mit Femkommatvaan, ein durchaus süffiges, schwedisches Getränk. Es ging im monatlichen Rhythmus munter weiter, Stiegl Pils auf Smaland, Trumer auf Norrlands, Schnaitl auf Smaland, um nur einige zu nennen. Der Kreativität waren keine Grenzen gesetzt. Selbst mit der Einführung des Internets und anderen modernen Kommunikationsmittel blieben sie ihrer Brief-, nun vielmehr Bierfreundschaft treu. Andreas war in der Zwischenzeit einmal verheiratet gewesen, was nur bedingt funktionierte, und hatte aus dieser Ehe mittlerweile ein großjähriges Kind. Vor einigen Wochen – es war Sommer – wurde er von der Idee übermannt, Maja tatsächlich persönlich zu treffen. Majas Bier hatte ihn so lange begleitet und nun wäre es an der Zeit, gerade auch weil Maja die letzten vier Mal immer selbst Gebrautes versendete. Auf der Flasche aus Wildshut schrieb er seine E-Mail-Adresse sowie Telefonnummer und „summer love“. Er wusste gar nicht, wie sie heute aussah, aber er konnte einfach nicht anders. Sieben Tage später antwortete sie bereits mit einer Flasche mit der Aufschrift „glädjande förväntan“, was soviel wie freudvolle Erwartung bedeutete und ihre Telefonnummer beinhaltete. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und sie telefonierten miteinander. Nach dreistündigem Telefonat, sie sprach neben Englisch sogar etwas Deutsch, packte er einen kleinen Rucksack und nahm den nächsten Zug. Im Zug klang ihre Stimme noch in seinem Körper nach, ein leises Vibrieren, so ähnlich wie Maaajaaaaaaaa. In Stockholm angekommen, nahm er das nächste Taxi. An der vereinbarten Adresse befand sich eine imposante Großbrauerei. Am Empfang verlangte er nach Maja. Nach wenigen Minuten, für Andreas gefühlt wie Stunden, kam sie von oben an der Treppe herunter. Sie war herzlich, wenn auch etwas runder als vorgestellt. Ihr Lächeln war bezaubernd und ihre Art fand Andreas beeindruckend. Sie umarmte ihn und forderte ihn mit „kom med mig“ zum Mitkommen auf. Vermutlich würde jetzt gleich die Brauerei besichtigt werden. Sie führte ihn in einem Besprechungsraum und Andreas sollte kurz warten, während sie wissend lächelte. Er umarmte sie nochmals, was sie zu Erstaunen schien. Er nahm nun zum zweiten Mal in kurzer Zeit seinen ganzen Mut zusammen und küsste sie, was ihr jetzt doch zu gefallen schien. Andreas genoß die nächste halbe Stunde sehr und sank erschöpft ins Sofa. Sie verließ relativ schnell den Raum und er spürte irgendwie bei ihr ein schlechtes Gewissen. Hatte sie einen Fehler gemacht, hätten sie beide noch warten sollen? Wiederum verging einige Zeit. Es öffnete sich die Tür und Andreas fast schon wieder bereit oder sollte jetzt doch die Brauerei besichtigt werden? Hereinkam eine sehr adrette, schlanke Erscheinung, im besten Alter und sehr gepflegt, die Assistentin von Maja vermutlich. Als die Person sich als Maja vorstellte und sich entschuldigte, dass sie noch in einem geschäftlichen Termin gewesen wäre und die Hoffnung ausdrückte, dass sich ihre Assistentin hoffentlich gut um ihm gekümmert habe, konnte er nur stotternd antworten. Maja schien diese Schüchternheit äußerst gut gefallen und nach einem langen Gespräch zeigte sie ihm die Brauerei. Die Idee würde im Übrigen ihm zu verdanken sein, da das österreichische Bier das schwedische bei Weitem damals überragte und sie somit für eine Verbesserung sorgen wollte, was sehr schnell gelang. Die Brauerei wuchs beachtlich und gehört heute zu den ganz großen Unternehmen in Schweden. Er blieb in Schweden und begann in der Brauerei im Finanzbereich zu arbeiten. Nach zwei Jahren heirateten sie und leben seitdem glücklich zusammen. Die Assistentin lächelt immer wenn sie ihn sieht ein wenig verschmitzt, aber manches Geheimnis muss auch nicht gelüftet werden. So entstand aus einer Bierfreundschaft eine glückliche Ehe.

Harlad, 20. Juli 2019

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Messerwerfer

Der bei einem belgischen Wanderzirkus beschäftige Messerwerfer Blaise, der wie viele aus seiner Zunft nur dann traf, wenn er beim Auftritt ein gehöriges Quan­tum klaren Schnaps intus hatte, wurde vom zirkuseigenen Quacksalber Dr. van der Dongen im Rahmen einer Vorsorgeuntersuchung darauf aufmerksam ge­macht, dass seine, Blaises, Leber bereits soweit geschrumpft war, dass ein Gegen­steuern dringend angeraten schien, oder wie van der Dongen es prägnant formu­lierte: „Blaise, hör mit dem Schnapssaufen auf!“ Blaise, der weltweit einer der besten in seinem Metier war, fürchtete um seine Reputation und besonders um seine Glanznummer, die darin bestand, dass er seinem Partner, der eine braune Uniform aus den 40er Jahren trug und der seitlich an eine Bunkerwand aus Well­pappe gekettet war, mit seinen Messern aus zwölf Metern Entfernung durch ge­zielte Würfe das schmale Oberlippenbärtchen wegrasierte und dadurch den Dik­tator, den sein Partner gab, in einen lächerlichen Popanz verwandelte, was das durchwegs antifaschistisch eingestellte Publikum regelmäßig zu begeistertem Schenkelklopfen animierte. Blaise sagte zu seinem Partner Jewgeni, einem ehe­maligen Biologen und Astronauten, nichts von Dr. van der Dongens Diagnose und stieg von Schnaps auf Bier um. Blaise wollte Jewgeni, der auch sein Lebens­gefährte war, nicht unnötig belasten und vertraute auf die segensreiche Wirkung des weltberühmten belgischen Bieres, das, wie er hoffte, dem Schnaps als Ziel­wasser in nichts nachstand. Im Training ging alles gut. Blaise schoss mit seinen Messern zielsicher den Übungsbart herunter, den sie mit Kontaktkleber an Jew­genis Oberlippe fixiert hatten. Bei der ersten Vorstellung ohne Schnaps, vor der Blaise nur mäßig dem Bier zugesprochen hatte, spürte er vor den entscheidenden Würfen allerdings ein ungewöhnliches Zittern, was letztlich dazu führte, dass er dem Diktator nur das halbe Bärtchen abrasierte, was das Publikum aber zum Glück nicht minder albern fand. Beim folgenden Auftritt wurde es noch schlim­mer. So sehr Blaise sich auch abmühte, er traf den Bart überhaupt nicht mehr und befreite Jewgeni stattdessen von seinen Augenbrauen, was zwar immer noch eine komische Wirkung bei den Zirkusgästen zeitigte, aber letztlich leicht ins Auge gehen hätte können. Obwohl Blaise in der Zwischenzeit seinen Bierkonsum gesteigert hatte, wollte sich seine frühere Treffsicherheit nicht wieder einstellen. So geschah es leider, dass Blaise Jewgeni in der nächsten Vorstellung mit einem der Messer ein Stück Knorpel von der Nasenspitze weghieb, was dazu führte, dass sie ihre Nummer abbrechen mussten, damit Dr. van der Dongen die Wunde an Jewgenis Nase nähen und die Blutung stoppen konnte. In der Folge weigerte sich Jewgeni, weiterhin das Zielobjekt für Blaises Messerwürfe zu verkörpern, er hin­ge nämlich sehr an seiner Schönheit und natürlich auch an seinem nackten Le­ben. Blaise sah es ein, wusste aber nicht, wie es unter diesen Umständen mit ih­rer Karriere weitergehen sollte. Den rettenden Einfall hatte dann Dr. van der Dongen, der ihnen bei einem Verbandwechsel vorschlug, dass sie doch einfach die Rollen tauschen sollten. Das wäre für Blaises Leber und für Jewgenis Nase bei weitem das Gesündeste. Zum Glück erwies sich Jewgeni als talentierter Messer­werfer. Bereits nach einigen Wochen Übung mit einer Führerpuppe, die sie bei Emerson über das Internet bestellt hatten, vertraute Blaise seinem Freund so weit, dass er sich persönlich Jewgenis Messerwürfen aussetzte. Im Training lief alles wie am Schnürchen, fast noch besser als vor dem Rollentausch. Sie hatten allerdings nicht mit Jewgenis Lampenfieber gerechnet. Bei der ersten Vorstellung nach dem Rollenwechsel war er so nervös, dass er gleich den ersten Wurf so ver­semmelte, dass das Messer zischend in Blaises Oberbauch fuhr und dort stecken­blieb. Dr. van der Dongen rettete sie auch diesmal vor bleibenden Schäden, in­dem er das Messer fachgerecht entfernte und die Blutungen stoppte. Er müsse zugeben, sagte er, als Blaise wieder ansprechbar war, dass nicht nur er, van der Dongen, Blaises Leben gerettet hätte, sondern auch der Umstand, dass Blaise frü­her soviel Schnaps gesoffen hätte. Dort, wo das Messer in den Oberbauch einge­drungen sei, sei nämlich früher noch Blaises Leber gewesen; durch die starke Schrumpfung sei sie aber nicht getroffen worden und unversehrt geblieben. Nach Blaises Genesung ließen Jewgeni und Blaise notgedrungen die Finger von den Messern. Nach einer längeren Phase der Arbeitslosigkeit kamen sie schließlich als Referenten beim wallonischen Antialkoholikerverband unter, wo sie durch ihre ambivalenten, aber ehrlichen Doppelconférencen über die Gefahren des Alkohols ihr Publikum wieder in ihren Bann ziehen konnten, so wie zuvor in der Manege.

Michael, 20. Juli 2019

Der Antrag

Jewgeni, der sich kaum etwas Schöneres vorstellen konnte, war vom Anblick des blauen Planeten aus 400 Kilometern Höhe jedes Mal aufs Neue berührt. Sie waren zu dritt auf der Internationalen Raumstation, Fjodor, der russische Komman­dant, Maurice, ein belgischer Genetiker und er, Jewgeni, ein bulgarischer Lebens­mittelbiologe. Ihr Auftrag lautete, in der Schwerelosigkeit Experimente mit Kul­turpflanzen durchzuführen. Sie hatten verschiedene Getreidesorten mitgebracht und auch Hanfgewächse, deren Wachstum unter den extremen Bedingungen im All sie erforschen wollten. Während sie gerade die Westküste der Vereinigten Staaten überflogen, erkannte Jewgeni, der sich immer schon nur zu Männern hingezogen gefühlt hatte, unten San Francisco, wo ausgerechnet jetzt im Juni, während er hier oben die Erde umkreiste, die Pride-Parade stattfand. Seit langem schon war es sein sehnlichster Wunsch gewesen, einmal daran teilzunehmen. Er seufzte. Dennoch würde heute alles gut werden. Er, Jewgeni, hatte nämlich ein Auge auf seinen Kollegen Maurice geworfen, dessen herrlicher Körper ihm Tag und Nacht nicht mehr aus dem Sinn ging. Er spürte, dass Maurice seine Zunei­gung erwiderte, er merkte es an kleinen Gesten, wenn sie in der Enge der Station aneinander vorbeiglitten oder wenn sie bei den Experimenten, die sie durchführ­ten, Blickkontakt zu einander suchten. Jewgeni wollte nicht länger warten. Er wollte aufs Ganze gehen. Er würde sich heute mit Maurice verloben. Seit Tagen schon hatte er sich auf den großen Augenblick vorbereitet. Aus zwei Ventilnip­peln aus dem Ersatzteillager hatte er Verlobungsringe zurechtgebogen. Von dem Harn, den sie ausschieden und zur Wiederaufbereitung zu Trinkwasser sammel­ten, hatte er jeden Tag eine geringe Menge abgezweigt und selbst wieder gerei­nigt. Eine Handvoll Gerstenkörner hatte er in seiner Schlafkammer zum Keimen gebracht und von den Hopfenpflanzen, die im Bordlabor gediehen, ein paar Dol­den geerntet und heimlich zur Seite geschafft. All seine Schätze hatte in der vorgeschriebenen Reihenfolge vermengt, kurzum, er hatte in der Schwerelosig­keit im Geheimen etwa einen Liter Bier gebraut, mit dem er mit Maurice ansto­ßen und ihre Verlobung feierlich besiegeln wollte. Er schnappte sich die Ringe und die Bierbeutel und schwebte zu Maurice ins Labor hinüber, der gerade mit einer Pinzette präparierte Haferkörner in einen Nährboden steckte. Jewegni räusperte sich und kam ohne Umschweife zur Sache. Es sei ihm, Maurice, wohl nicht entgangen, begann er, dass er, Jewgeni, starke Gefühle für ihn, Maurice, entwickelt hätte und dass er, Jewegni, spüre, dass er, Maurice, diese Gefühle erwidere, und genau aus diesem Grund wolle er, Jewgeni, ihn, Maurice, nun fra­gen, ob er, Maurice, sich auf der Stelle mit ihm, Jewgeni, verloben wolle, mit dem Versprechen, dass sie sich im kommenden Jahr, wenn sie wieder zurück auf der Erde wären, im Rahmen der Pride-Parade in San Francisco, die übrigens auch jetzt gerade, direkt unter ihnen stattfände, zu Mann und Mann trauen ließen, natürlich aber nur dann, wenn er, Maurice, damit einverstanden sei, wovon er, Jewgeni, aber überzeugt sei. Er zeigte ihm die Verlobungsringe, die er aus den Nippeln gebastelt hatte. Maurice blickte Jewgeni an, als ob er von einem anderen Stern zu ihm gekommen wäre. Er hätte als besondere Überraschung auch noch Bier gebraut, sagte Jewegni, das er in Trinkbeutel abgefüllt hätte, damit sie ihre Verbindung gebührend miteinander feiern konnten. Maurice blickte Jewgeni mit ernster Miene an und ergriff dann das Wort. Es ehre ihn, Maurice, sehr, dass er, Jewgeni, eine solche Zuneigung zu ihm, Maurice, entwickelt hätte und dass er, Jewgeni, soviel Mut besitze, ihm, Maurice, seine Zuneigung so offen zu bekennen, und ja, es sei offenkundig, dass auch er, Maurice, Männer liebe, aber er, Maurice, müsse ihm, Jewgeni, leider gestehen, dass er, Maurice, schon einem anderen versprochen sei, den er, Jewgeni auch kenne, Fjodor nämlich, ihrem Komman­danten, mit dem er, Maurice, sich schon im vergangenen Jahr auf der Pride-Parade in San Francisco verlobt hätte. In der Zwischenzeit war der Kommandant, der das Gespräch mitbekommen hatte, zu seinem Verlobten hinübergeschwebt und hielt dessen Hand. Für Jewgeni brach in diesem Augenblick schier eine Welt zusammen, wenn auch nicht die, die 400 Kilometer unter ihnen lag. Er ließ die Ringe los und gab ihnen einen Schubs, sodass sie sich mit konstanter Geschwin­digkeit von ihnen wegbewegten, außer Sichtweite, in den entferntesten Teil der Station. Jewgeni lächelte traurig und schwieg. Maurice ergriff wieder das Wort und sagte, dass es ihm, Maurice, fast das Herz bräche, dass er, Maurice, ihn, Jewgeni, so enttäuschen müsse, er hätte aber einen Zwillingsbruder, Blaise, der zwar kein Raumfahrer sei, sondern ein Messerwerfer in einem belgischen Wan­derzirkus, der ihn, Jewgeni, aber sicher gern kennenlernen wolle. In Jewgenis traurigen Augen keimte wieder etwas Hoffnung auf. Ja, sagte er zu Maurice, das sei sehr edel von ihm, und auch er wolle Blaise gern kennenlernen. Unbeabsich­tigt rettete Fjodor, der Kommandant, vollends die Situation, indem er Jewgeni fragte, wieviele Bierbeutel er denn abgefüllt hätte. Es stellte sich heraus, dass Jewgeni an einen Ersatzbeutel gedacht hatte. So schnallten die drei sich an ihrer Bordcouch fest und stießen an auf das Leben und saugten schließlich lachend das Bier aus den Beuteln, dessen Stammwürzegrad es in sich hatte. Als sie ordentlich beschwipst waren, rief Maurice via Satellit seinen Bruder an und stellte ihn Jewgeni vor, und als die beiden, Blaise und Jewgeni, einander über die Skype-Verbindung erblickten, war es sofort um sie geschehen. Sie telefonierten mehr als eine Stunde lang miteinander und schmiedeten am Ende prickelnde Pläne für die Pride-Parade im kommenden Jahr.

Michael, 13. Juli 2019

Die Reise des Herrn Bierfried

Sommerzeit ist – keine Überraschung – Reisezeit. Herr Bierfried möchte sich ebenfalls auf den Weg machen. Nach 127 Brauereibesichtigungen im deutschsprachigen Raum will er diesen Sommer etwas Neues wagen. Eine Brauerei in Israel hat es ihm angetan, vermutlich die älteste Brauerei der Welt, die vor wenigen Jahren bei Ausgrabungen entdeckt wurde. Er reist per Flugzeug und landet in Haifa wohlbehalten. Der Transfer klappt und eine halbe Stunde später ist er im Hotel in Carmel, einer kleinen Stadt in der Nähe der Rakefet-Höhle, angekommen. Über ein Reiseprospekt informiert er sich näher über die Höhle. Es wurde dort 12.500 Jahre vor Christus in der Kultur der Natufien Bier gebraut. Dieses Bier bzw. bierähnliche Getränke hatte laut Reiseprospekt weniger Alkoholgehalt und wurde zu Festen verwendet, diente aber auch als Grabbeigabe der in der Höhle begrabenen Toten. Nächsten Tag startet er Richtung Höhle. Bereits zwei Kilometer vor dem Ziel befindet sich der Parkplatz für die Fahrzeuge. Was dann kommen wird, hat sich Herr Bierfried nicht einmal in seinen kühnsten Träumen ausmalen können. Links und rechts stehen kleine Stände mit Handelswaren aller Art. Viele Händler preisen ihre Waren in geschäftstüchtiger Weise an. Am ersten Tag muss er nach 500 Metern bereits umkehren, da er das Modell der Rakefet-Höhle, das Urbier-Plakat und die zwei bunten Decken nicht mehr tragen kann. Er fährt zurück ins Hotel, um sich am nächsten Tag wiederum auf den Weg zu machen. Aber auch diesmal kommt er nicht über die 1.000 Meter – Grenze. Es hindern ihn zwei Flaschen „Heiliges Wasser“, ein überdimensionales Weihrauchgefäß und durchaus schmackhafte Nüsse am Weiterkommen. Nachdem zwei weitere Tage vergangen sind (er ist jetzt auch stolzer Besitzer von vier Plüschtier-Rentieren) und die Höhle nun in Sichtweite ist – die Händler begrüßen ihn mittlerweile persönlich, was Herr Bierfried oder wie sie dort auf hebräisch sagen „Mer Birprid“ doch schätzt – erwähnt er sich am Ziel. Er sieht in die Höhle hinein und glaubt auch schon die Brauerei zu erblicken, was sich aber aus Irrtum herausstellt. Die Brauerei entpuppt sich als Kassahäuschen, was grundsätzlich kein Problem darstellen würde, hätte „Mer Birprid“ mehr auf sein Geld geschaut. Eine Kreditkarte wird keinesfalls akzeptiert, die erst gekauften ungezuckerten Trockenfrüchte will der Herr an der Kassa partout nicht als Eintrittsgeld akzeptieren, weil das gegen die festgelegten Richtlinien verstoßen würde. „Mer Birprid“ verliert etwas die Fassung und beginnt mit lautstarken, antisemitischen Äußerungen, was konsequenterweise nicht toleriert wird und einen kleinen Polizeieinsatz zur Folge hat. In Handschellen wird er zuerst zum Parkplatz gebracht, die Händler applaudieren dabei „Mer Birprid“ und sprechen ihm offensichtlich Mut zu. Im Hotel werden ihm seine Habseligkeiten ausgehändigt und er wird von den Polizisten zum Flughafen gebracht. Nachdem er umgerechnet 790 Euro für sein Übergebäck bezahlen muss (Hauptproblem war das sperrige Rakefet-Höhlen-Modell, die Akzeptanz der Kreditkarte hier kein Problem), darf er das Land verlassen. Im Flugzeug hat er sich langsam wieder beruhigt und freut sich sogar, dass diese Trockenfrüchte wirklich gut schmecken. Er belauscht zufällig einen Geschäftsherrn, der gegenüberliegend, nur eine Reihe vor ihm sitzt. Dieser philosophiert mit seinem Gesprächspartner über die Möglichkeiten in Israel. Er sei im Hotelgewerbe tätig und habe letztes Jahr den Coup seines Lebens gelandet. Seine neuen Stände bei der Rakefet-Höhle gehen bestens, auch wenn in der Höhle selbst gar nichts zu sehen ist. Dafür hat er 125 israelische Staatsbürger arabisch-palästinensischer Herkunft angestellt, die für satte Umsätze sorgen. „Wie blöd muss jemand sein, um sich eine Höhle ohne Inhalt anzusehen und stattdessen alles möglich zu kaufen“, meint sein Gesprächspartner. Der Geschäftsherr will gerade lachen, als er von hinten gewürgt wird. In München wird Herr Bierfried nun wiederum per Polizeieskorte nach Wien gebracht. Nach der Einwilligung in eine Diversion wird auf ein Strafverfahren verzichtet und Herr Bierfried verpflichtet sich, die App des Geschäftsherrn kostenpflichtig für zwei Jahre zu abonnieren. Nachdem ihn diese Reise mehr als die 127 Reisen zuvor gekostet hat, wird Herr Bierfried im nächsten Jahr eine kleine Brauerei im Mühlviertel besuchen, die weder Fanartikel verkauft noch über einen Webshop verfügt.

Harald, 13. Juli 2019

Waldeslust

Das blaue Klappfahrrad, das an der Birke lehnte, harmonierte farblich perfekt mit dem leicht bewölkten Nachmittagshimmel. Es gehörte Felicitas, war 13 Jahre alt und somit um 18 Jahre jünger als seine Besitzerin. Diese hatte sich nicht nur ihres Rades entledigt, als sie an der Lichtung im Auwald angekommen war, sondern auch gleich ihrer Kleider. Sie sah kurz auf ihre Armbanduhr und wusste, dass Justus, mit dem sie verabredet war, in jedem Moment da sein musste. Links neben ihr stand der Picknickkorb bereit mit zwei langstieligen Biertulpen und einer Flasche Bier der Sorte „Sommerliebe“. Plötzlich hörte Felicitas ein Summen und spürte auch schon den ersten Stich. Sie schlug nach der Gelse, die sich an ihrer linken Schläfe befand. Noch bevor der Schlag auftraf, spürte sie bereits den nächsten Stich am rechten Unterschenkel. Sie holte auch mit der anderen Hand aus und während sie die erste Gelse ins Jenseits beförderte, verlor sie das Gleichgewicht. Als sie auf dem Boden lag, stachen zwei weitere Blutsauger sie in den Nacken. Verärgert schrie sie auf. Dies weckte den Jäger Hubertus, der sich zur Wildbeobachtung auf einem Hochstand in der Nähe befand. Er hatte am frühen Sommernachmittag bereits drei Bier getrunken, um sich die Zeit sinnvoll zu vertreiben und war eingenickt. Nun glaubte er seinen Augen nicht zu trauen. Er hatte im Wald schon viel erspäht, aber an eine so hübsche potentielle Beute konnte er sich nicht erinnern. Widerstand gegen seinen Jagdtrieb schien ihm zwecklos. Er kletterte zügig den Hochstand hinunter. Die drei letzten Stufen übersprang er überhaupt. Wortlos näherte er sich, so schnell er konnte, der mittlerweile paarungsbereiten Frau und entledigte sich seiner Hose. Felicitas, die von Haus aus extrem kurzsichtig war und durch den Sturz ihrer Brille beraubt worden war, glaubte Justus zu erkennen, den sie schon sehnlichst erwartet hatte. Hubertus beugte sich wortlos zu ihr hinunter und kam ohne Umschweife zur Sache. Felicitas genoss seine rhythmischen Bemühungen durchaus, wobei Hubertus sich wunderte, dass sie immerwährend Justus lobte, während sie sich ihm hingab. Beide waren von Gelsen nur so umzingelt, merkten es aber nicht mehr, weil sie sich auf etwas anderes konzentrierten. Der verheiratete Justus, der sich leider verspätet hatte, traf inzwischen wie immer mit seinem Mountainbike ein, das er von seiner Frau zu seinem vierzigsten Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Als er die beiden, die sich am Boden wälzten, in flagranti ertappte, bemerkte er auch gleich das an den Hochstand angelehnte Gewehr. Er wusste sofort, was zu tun war. Seine Frau würde ihm wohl auch nicht böse sein, wenn er ihre Nebenbuhlerin samt ihrem neuen Liebhaber um die Ecke brachte. Er schnappte sich das Gewehr und legte auf die beiden an. Aber auch ihn umschwirrte ein Gelsenschwarm, der sich über ihn hermachte, ausgerechnet in dem Augenblick, als er den ersten Schuss abgab. Dieser fuhr krachend in den Hochstand, wovon Felicitas und Hubertus sich nicht im Geringsten beeindrucken ließen. Das ärgerte Justus umso mehr, weshalb er den zweiten Schuss aus der Schrottflinte abgab und sofort wieder nachlud. Auch diesem Versuch war kein Erfolg beschieden. Eher würde Hubertus, bildlich gesprochen, zu seinem finalen Schuss kommen, bevor Justus ihm auch nur ein Haar krümmen konnte. Die letzte Schrotkugel war verbraucht, die Gelsen umschwirrten den Gehörnten immer noch in rauen Mengen und piesackten ihn ohne Gnade. Justus warf das Gewehr beiseite, entledigte sich seines Hemdes und schlug sich mit dem Kleidungsstück wechselseitig auf seinen Rücken, um sich Erleichterung zu verschaffen. Dabei hüpfte er wie Rumpelstilzchen von einem Bein auf das andere. Nachdem Hubertus und Felicitas inzwischen gleichzeitig auf dem Höhepunkt ihrer jagdlichen Betätigung angekommen waren und ermattet von einander abließen, tappte Felicitas nach ihrer Brille. Der glückselige Hubertus, der ein Gespür dafür hatte, wann es Zeit war zu gehen, ignorierte Justus, obwohl dieser wie wild gestikulierte, schnappte seine Hose und begab sich wieder auf seinem Hochstand. Felicitas, die ihre Sehkraft wiedererlangt hatte, sah Justus nun endlich wieder gestochen scharf vor sich und freute sich, dass auch er ihr Liebesspiel spürbar genossen zu haben schien. Justus, der das alles höchst unbefriedigend fand, verfolgte Hubertus auf den Hochstand. Er begann oben mit ihm zu rangeln, als gerade seine, Justus‘, Frau auftauchte, die sich ihrerseits hin und wieder mit Hubertus, ihrem heimlichen Liebhaber, auf dem Hochstand traf. Sie hörte merkwürdige Geräusche, die von oben kamen, und bemerkte die von der Ekstase noch ermattete Felicitas vorerst gar nicht. Als sie die beiden Männer Arm in Arm oben auf dem Hochstand entdeckte, wurde ihr sofort klar, dass ihr Mann den selben Liebhaber hatte wie sie. Sie erklomm die Leiter und besprühte die beiden Kampfhähne in Ermangelung einer anderen Waffe mit dem Gelsenspray, den sie mitgebracht hatte. Dieser entfaltete aber eine wohltuende Wirkung und beruhigte die Lage sichtlich. Justus erklärte seiner Frau, dass der Jäger auf ihn geschossen hätte, nachdem er diesen mit der ortsbekannten Felicitas gestört hätte und ihn zur Rede stellen hatte wollen. Seine Frau versicherte ihm rasch, dass sie ihm glaubte, damit sie nicht auch noch von ihren gelegentlichen Fehltritten berichten musste. Als aber unglücklicherweise die immer noch aufgelöste Felicitas schmachtend nach Justus rief, schien die friedvolle Stimmung wieder zu kippen. Plötzlich ertönten im Wald Sirenen, begleitet vom Geräusch des hoch drehenden Motors eines Geländefahrzeugs. Zwei Polizistinnen sprangen aus ihrem offroadtauglichen Streifenwagen und erkundigten sich sofort nach den Schüssen. Hubertus, der seine Hose immer noch nicht ganz in die Höhe gezogen hatte, berichtete von einem wunderbaren Rehbock, den er aber leider verfehlt hatte. Was genau die nackte Felicitas mit dem Ganzen zu tun hatte, könne er sich auch nicht erklären. Ihre Blöße sei vermutlich auf die Gelsenplage zurückzuführen. Das Ehepaar Justus und Fiona Gasser sei jedenfalls rein zufällig hier. Nachdem die Polizistinnen die Personalien aller Beteiligten aufgenommen und zur Beweissicherung das Gewehr konfisziert hatten, öffnete Fiona die Flasche Bier und befüllte die beiden Gläser. Ein Glas teilte sie sich ihrem Mann, das andere reichte sie Felicitas und Hubertus. Zu viert stießen sie nacheinander auf einen gelungenen Nachmittag an und ignorierten die Polizistinnen, die kopfschüttelnd in ihren Streifenwagen stiegen.

Harald und Michael, live aus dem Wald, 10. Juli 2019

Der Whirlpool

Jahrelang hat er überlegt, was er mit der schönen, südseitigen Terrasse machen sollte. Sie ist zwar von der Ostseite, dort steht ein gelbes Mehrparteienhaus aus den Siebzigern, gut einsehbar, aber ihn stört der eine oder andere Blick nicht. Vorigen Sommer hatte er eine Brause montiert und sich zwischen dem heißen Kunstrasen und der Brause hin- und herbewegt. Heuer hat er den Kunstrasen durch schöne Holzlatten ersetzt, nicht zuletzt weil der Kunstrasen von einem bekannten Fußballclub stammt, dessen Anhänger er aufgrund der spärlichen Attraktivität längste Zeit gewesen ist. Seit drei Wochen steht nun auch ein Whirlpool für sieben Personen inmitten der Terrasse. Die Eröffnung mit zwei Bekannten ist noch in bester Erinnerung, wenngleich auch ein Glas Bier unbeabsichtigt in das Wasser fiel. Der digitale Wasserqualitätsüberwacher schlug Alarm und versuchte selbständig das Problem zu lösen. Nachdem sie nur haarscharf an einer Clorvergiftung vorbeikamen, wollte er in Zukunft besser aufpassen. Heute Abend ist er im Sudwerk, ein wunderbares Lokal mit feschen Mädels und – noch wichtiger – bestem Weißbier, diesmal sogar mit erträglicher, rockiger Musik. Alles ist wie es sein soll und seine Gesprächspartnerin zeigt außergewöhnliches Interesse für Whirlpools, zumindest vermittelt sie das, als sie von ihm zum dritten Getränk eingeladen wird. Sie sprechen über Größe und Farbe (des Whirlpools) und das Prickeln der Wasserblasen. Um 01.45 machen sie sich gemeinsam auf den Weg, um von der Theorie in die Praxis zu kommen, allein deswegen eine Investition, die sich zu lohnen scheint. Auf der Terrasse angekommen holt er zwei Gläser, um den mitgebrachten Weißbier-Sixpack im Whirlpool genießen zu können. Beide haben sich bereits ausgezogen und lauschen der lauen Sommernacht im wohltemperierten Wasser. Sie trinken einige Schluck Bier und weil diese durch den beinhalteten Hopfen bekanntlich Appetit machen, folgt das Liebesspiel im Wasser. Nach bereits kurzer Zeit steuert zumindest er auf den Höhepunkt zu und berührt unmittelbar davor das Glas mit dem Weißbier, dass bedrohlich wankt und ins Wasser zu fallen scheint. Ihm ist in bester Erinnerung, was normales Bier bereits angerichtet hat und so versucht er daher das Glas abzufangen, was ihm gerade noch gelingt. Leider kommt nun aber eine andere Flüssigkeit ins Wasser, was bei dieser Art von Spiel zwar normal ist, nicht jedoch für einen Whirlpool, der eine von jungen, konservativen, langweiligen und ängstlichen Typen aus Silicon Valley oder gar aus dem Innviertel programmierte Steuerung besitzt. Die Farbe des Lichts wird rot und ein Alarmsignal ertönt. Er kann seine Angebetete gerade noch aus dem Wasser retten, bevor die Chlorstöße einsetzen. Die ganze Terrasse befindet sich Sekunden später in einem Chlorgasgemisch während der Whirlpool sich in eine Art stehendes, laut tönendes Feuerwehrauto zu verwandeln scheint. Trotz des Chlornebels und der verzweifelten Suche nach der Terrassentür kann er einige Mobiltelefon-Kameras von Mietern der ostseitigen Wohnungen erkennen, was ihn jetzt doch zu stören scheint. Als sie endlich die Terrassentür ertastet haben, hören sie bereits Rettung und Polizei heranrasen, die dieser unselige Whirlpool selbst herbeigerufen hat. Er kann nur mit einem Handtuch bekleidet schnell für Entwarnung sorgen und seine nackt hinter ihm stehende Angebetene betont wahrheitsgemäß, dass sie freiwillig hier ist und es auch nicht bereut, da sie so etwas noch nicht erlebt habe, wenngleich das Liebesspiel etwas in den Hintergrund gerückt ist. Nächsten Tag ruft er einen Freund mit guten Programmierkenntnissen an, der das Steuerungsprogramm ersetzt. Nach mehreren Selbstversuchen, die sie an ihre körperlichen Grenzen bringen, spielt der Whirlpool nun beim Höhepunkt eine Sequenz aus „Je t‘aime“ während er bei Zufuhr von Bier die Farbe auf gelb wechselt und leicht zu schäumen beginnt.

Durch diese kleine Änderungen konnte er manche Nacht nun sogar im vollbesetzten Whirlpool genießen und die Nachbarn gratulierten ihm immer am nächsten Tag, wenn sie „Je t‘aime“ dreimal nächstens vernehmen konnten. Die Software des Freundes konnte sich im Übrigen durchsetzen und befindet sich mittlerweile in fast jedem Whirlpool. Eine Erprobung lohnt sich!

Harald, 6. Juli 2019

Affenschande

Lola Lauchl, die im Dschungel von Borneo mit einer Sondergenehmigung das Ur­waldlyzeum für deutschsprachige Diplomatenkinder besucht hatte und dort streng profan erzogen worden war, sehnte sich nach der lange entbehrten Gebor­genheit des Sakralen. Die Tochter der berühmten Orang-Utan-Forscherin Jane Lauchl und eines montenegrinischen Installateurs hatte das weltlich geprägte Le­ben im Busch satt. Als sie ihre Volljährigkeit erlangte, buchte sie für sich und ih­ren Orang-Utan aufs Geratewohl einen Flug nach Europa und landete in Wien. Gemeinsam absolvierten sie in der Innenstadt eine Sight-Seeing-Tour und waren von der Mächtigkeit des Stephansdoms besonders ergriffen. Lola saß still in einer Bank in der Nähe der Kanzel im Gotteshaus und betete zum ersten Mal in ihrem Leben. Der Orang-Utan, der auf den Namen Otto hörte, konnte dem wenig abge­winnen und langweilte sich bald so sehr, dass er zwischen den Bankreihen hin und her zu turnen begann und versuchte, an den glatten gotischen Säulen in die Höhe zu klettern. Als er dabei schließlich eine Holzstatue des Heiligen Sebastian von ihrem Sockel stieß, schritt der Dompfarrer ein. Er stellte Lola zur Rede und setzte sie davon in Kenntnis, dass er beileibe kein Affenfeind sei, dass sie aber mit ihrem Otto nun unverzüglich die Mücke machen sollte, andernfalls müsse er die Dompolizei rufen, und die Herren, die ihr angehörten, verstünden überhaupt keinen Spaß und seien die direkten Nachkommen mittelalterlicher Ketzerjäger. Unter Protest nahm Lola Lauchl ihren Affen an der Hand und verließ mit ihm traurig den Dom. Sie wollte ihren Kummer betäuben und erstand an einem Kiosk eine Palette Dosenbier, einen gebrauchten Klapptisch, zwei Hocker und Stroh­halme. Mitten auf dem belebten Stephansplatz baute sie ihre Sitzgarnitur auf, un­terstützt von ihrem Affen, der daran Gefallen zu finden schien. Sie setzten sich. Lola öffnete die beiden ersten Bierdosen und steckte Strohhalme hinein. Eine der Doesen reichte sie an Otto weiter. Der Affe hatte Freude daran, als sie einander zuprosteten und als Lola „Auf den ersten Apostel!“ rief. Das Bier, das sie anschlie­ßend mit den Strohhalmen aus der Dose saugten, schien dem Tier ausgezeichnet zu schmecken. „Empörend!“, zischten die Passanten, die vorüberkamen. Es blieb nicht bei der einen Dose. Lola brachte auch auf den zweiten Apostel einen Trink­spruch aus. Der Affe Otto hielt begeistert mit. „Eine Schande!“, rief einer aus einer Gruppe Touristen und machte dennoch ein Foto. Lola Lauchl und ihr Affe saugten mit neuen Strohhalmen auch das zweite Paar Dosen leer. Danach folgten die dritten und vierten Dosen, wieder mit neuen Halmen und mit Trinksprüchen auf den dritten und vierten Apostel. „Skandal!“ riefen die Leute. „Schämt euch!“ Lola und ihr Orang-Utan, die das Bier weiterhin durch immer neue Strohhalme konsumierten, achteten nicht auf die Leute, die weiterhin die Hände über dem Kopf zusammenschlugen und „Ein Wahnsinn!“ riefen oder „Einsperren sollte man sie!“ Lola prostete dem fünften bis neunten Apostel zu. Nach dem zehnten konnten die junge Frau und ihr Affe Otto sich kaum noch auf den Hockern hal­ten, so sternhagelvoll waren sie. Das Bier schmeckte ihnen aber immer noch. Un­ter lauten Buh-Rufen des Publikums schafften sie auch noch die elfte und die zwölfte Dose. Mit glasigem Blick wollte Lola Lauchl dann auf den dreizehnten Apostel anstoßen und kramte in ihrem Rucksack, musste allerdings feststellen, dass sie und ihr Affe alle Dosen leergetrunken hatten. Sie glotzte die Leute an und fragte sie endlich lallend, was ihnen eigentlich nicht passte. Dass es gar keinen dreizehnten Apostel gäbe, wisse sogar sie. Sie und ihr Affe, rief sie, hätten sich lediglich ihren Kummer weggetrunken, sie hätte nicht randaliert, niemanden be­leidigt, sich nicht übergeben und die leeren Dosen vorschriftsmäßig in ihrem Rucksack entsorgt. „Was ist es, was euch so stört?“, rief sie mit schwerer Zunge in die Menge. „Los, sagt es mir endlich!“ Von ganz hinten meldete sich eine kno­chendürre Witwe, die ganz in Schwarz gekleidet war. „Die vielen Strohhalme“, sagte sie mit fester Stimme durch ihren Gesichtsschleier, „sind so umweltschäd­lich, dass es ein Verbrechen ist.“ Als Lola sah, dass sich ihr Affe mittlerweile unter dem kleinen Tischchen zusammengerollt hatte, setzte sie sich zu ihm aufs Pflas­ter, bettete ihren Kopf auf seinen pelzigen Rücken und schlief ihren Rausch aus.

Michael, 6. Juli 2019